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Bericht zum Railware-Seminar
Zum zweiten Mal haben wir ein Railware-Seminar
veranstaltet, diesmal mit dem Titel „Decoder-Tuning und Bremswege“. Schon die
Vorbereitung hat ziemlich viel Spaß gemacht. Horst und Jürgen haben eine ältere
Modulanlage aktiviert und aus dem Wunsch, ein Testoval zu erstellen, entstand
eine 6 m lange Modulanlage mit einem großen Oval, in dem insgesamt vier bzw.
acht Belegtmelderabschnitte (8 x 1,2 m oder 4 x 2,4 m) eingebaut waren. Jochen
hat eine Lenzanlage (Version 3.6) zur Verfügung gestellt, Horst hat die Gleise
und die Modulkästen gespendet und Jürgen hat seine Zeit zum Verkabeln geopfert.
Wir hatten uns dazu auch überlegt, dass wir möglichst viel dokumentieren
wollten. Das bedeutete auch, dass z. B. mit einer Webcam der LH 100 aufgenommen
wurde und an die Wand projiziert wurde. Damit waren alle Veränderungen in der
Lenzanlage für alle Teilnehmer sichtbar gemacht.
Durch den persönlichen Kontakt von Jochen zu dem Referenten Pius Locher kam sehr
schnell und sehr frühzeitig eine Einigung zustande. Pius Locher hat das Seminar
in hervorragender Weise vorbereitet (und auch durchgeführt). Die einzelnen
Folien der Powerpoint-Präsentation wurden frühzeitig vorgestellt und so war es
für uns recht einfach möglich, die Modulanlage auf die Vorführungen von Pius
Locher abzustimmen. Aus der Sicht von Pius Locher wird es natürlich so sein,
dass er seinen Vortrag nach der Modulanlage ausgerichtet hat, wie dem auch sei,
in diesem Fall hat sich das prima ergänzt.
Wir haben dann die einzelnen Decoderhersteller und um Unterlagen gebeten, um sie
den Teilnehmern auf der CD präsentieren zu können. Da es aber bei einigen
Herstellern zu Umstellungen kam, war auch hier die Arbeit erst in den letzten
Tagen vor dem Seminar beendet.
Unser Ziel war es (also Pius Locher hat das angeregt und uns gefiel das), einmal
die Werkseinstellungen der Decoder zu demonstrieren, um aufzuzeigen, dass
Decoder nicht Decoder ist und dass es da schon erhebliche Unterschiede gibt.
Weiterhin wollten wir für die Doppeltraktion oder eine Schiebelok entsprechende
Einstellungen aufzeigen, die zu Hause nachvollziehbar sind. Auch hierzu hat Pius
Locher in hervorragender Kleinarbeit die entsprechenden Details ausgearbeitet.
In den letzten beiden Wochen vor dem Seminar war in unserer Truppe die Spannung
schon ziemlich groß. Es gab eine abschließende Besprechung am 2. Mai, bei der
die Aufgaben noch einmal neu verteilt wurden. So haben wir uns erst im letzten
Moment geeinigt, das 64-seitige Skript zu drucken. Ansonsten wäre das mit dem
Mitschreiben ein sehr großer Aufwand gewesen. Wir waren und sind der Auffassung,
dass bei einem solchen Seminar möglichst viel vom Veranstalter vorgegeben wird,
damit sich die Teilnehmer dem Gebotenen vorne an der Anlage und bei den
projizierten Abläufen an der Wand konzentrieren können. Es macht keinen Sinn,
ständig mitzuschreiben und dann nur die Hälfte vom Ablauf vorne zu sehen.
Nun zum Ablauf. Der Stammtisch verlief sehr harmonisch. Jeder hat sich mehr oder
weniger kurz vorgestellt und anschließend entbrannten mehrere parallel
verlaufende Diskussionen. Die Organisation hat soweit funktioniert, nur die
„Zulieferer“ haben gekniffen. Nein, Essen und Getränke gab es, nur ist die Lok,
die den Zug von Herrn Dr. Mitrücker gezogen hat, kurz vor Hannover liegen
geblieben und Herr Dr. Mitrücker traf erst mit einer Verspätung von einer Stunde
ein.
Integriert in die Runde war er sehr schnell, vor allen Dingen schon deshalb, als
zu seiner Ankunft bereits das Essen auf dem Tisch stand und er sofort seinen
Hunger stillen konnte. Wie bereits an anderer Stelle schon kundgetan, konnte
Herr Kiltz sein geliebtes frisch gezapftes KöPi in Lastrup in Empfang nehmen.
Der vorabendliche Stammtisch war gelungen, was aber überwiegend an den
Teilnehmern liegt, da ein sehr diszipliniertes Verhalten zum Vorschein kam. Für
solche Teilnehmer macht Organisieren einfach Spaß.
Beim Frühstück am nächsten Tag um 8.30 Uhr waren sehr schnell alle versammelt.
Es gab die Befürchtung, dass der Stoff ziemlich viel wird. Deshalb wurde eine
halbe Stunde früher angefangen.
Herr Hinz hat sich in seinem Vortrag vorbildlich auf das Thema beschränkt und
aus seiner Sicht einmal die ganzen Fehlermöglichkeiten aufgezeigt, die es beim
Bremsen gibt. Er hat aufgeschlüsselt, was falsche Bremswege verursacht, so wie
er es als Entwickler sieht. Sein Motto „Einfach denken und mach es klug und
einfach“ ist überzeugend. Wir sind immer wieder fasziniert von den geringen
Angaben, die Railware benötigt, um die Züge laufen zu lassen.
Dazu ein kleines Beispiel. Die Angaben im Zuganzeiger für die Belegtmelderlänge
ist unwichtig. Letztendlich benötigt der Zuganzeiger nur die Bremsweglänge. Die
benutzbare Gleislänge kann auch eingetragen werden, setzt aber voraus, dass dann
die Züge alle in ihrer Länge bekannt sind.
Wesentlich einfacher funktioniert die Aufschlüsselung mit Gattungen, wobei Herr
Hinz hier Wert darauf legt, dass mindestens zwei Gattungen vorhanden sind und
eine Gattung nur für den erweiterten Bremsweg benutzt wird. Ein in vielen
Archiven immer wieder festzustellende Häufung von Zuggattungen sollte dagegen
vermieden werden. Aber dazu wird es dann auch mal ein Seminar geben, weil die
Gattung bei RW ein geniales Instrument für die Zugsteuerung ist.
Aus seiner Sicht ist auch ein typischer Fehler, dass nach dem Einmessen die Lok
umprogrammiert wird und nicht neu vermessen wird. Er sieht auch den langen
Ausrollweg, also eine große Bremsverzögerung als Ursache für das falsche Bremsen
ein. Hier hat aber Pius Locher nachgewiesen, dass selbst mit sehr hohen
Verzögerungszeiten ein vernünftiges Bremsen möglich ist, unter der
Voraussetzung, dass dann die Fahrgeschwindigkeit der Bremslänge angepasst ist.
Die einfache Formel hierzu lautet, die Geschwindigkeit in km x 3 = Länge des
Bremswegs in cm, d.h. wenn eine Lok mit einer Höchstgeschwindigkeit von 60km/h
fährt, sollte man ihr einen Bremsweg von 180 cm zugestehen:
Bekannt ist der Fehler laut Herrn Hinz in den unteren Fahrstufen, was in erster
Linie darauf zurückzuführen ist, dass gerade bei Fahrstufe 1 Railware glaubt,
dass die Lok sich bewegt, aber tatsächlich die Lok in dieser Einstellung noch
nicht fährt.
Ein typisches Modellbahnproblem sind aus unserer Sicht die zu kurzen Bremswege
(z. B. 80 cm) bei zu hohen Geschwindigkeiten (z. B. 120 km/h). Das kann das
Programm nicht leisten, die Regelung der Decoder (die internen 255 Stufen) ist
nicht so schnell, dass es durch den Decoder schon zu einer Verzögerung kommt und
damit der Bremsweg zu lange ist.
Es sollen hier nicht alle Details aufgeführt werden, insgesamt war der fast
einstündige Vortrag von Herrn Hinz sehr aufschlussreich. Wie auch bereits im
Hönel-Forum zu lesen war, haben hier alle Teilnehmer wieder neue Aspekte
entdeckt. Wir bedauern es eigentlich, dass gerade die einfachen Einstellungen in
der Dokumentation von Railware nicht deutlich hervorgehoben werden. Wir wünschen
uns gerade für den Anfänger eine Minimalkonfiguration. Hier ist es allerdings
so, dass immer wieder auf das „mein erstes Gleisbild“ hingewiesen wird und es
damit dem Anfänger doch recht einfach möglich ist, zu einem lauffähigen
Gleisbild zu kommen.
Mit großer Spannung wurde der Vortrag von Pius Locher erwartet. Als erstes
wurden in einer Roco-Lok BR 50 vier verschiedene, lastgereglete Decoder (ESU,
Lenz, Zimo und Kühn) vorgeführt. In der Werkseinstellung hatten sie alle ein
unterschiedliches Fahrverhalten. Das zeigte sich schon in der
Endgeschwindigkeit, die bei der gemessenen Baureihe 50 von Roco zwischen 90 und
110 km/h lag. Bei dem Radius von ungefähr 48 cm auf der Modulanlage kam es sogar
bei zwei Decodern trotz Lastregelung auch zu einer Verminderung der ansonsten
konstant gehaltenen Geschwindigkeit.
Die Geschwindigkeit wurde mit einem Fleischmann-Tachowagen gemessen, dessen
Einstellungen nach den Angaben von Pius Locher exakt auf den Maßstab 1:87
geeicht wurden.
Sodann wurde etwas über die Beschleunigungszeit bei den Decodern ausgesagt.
Interessant ist, dass sich z. B. die 28 Fahrstufen auf insgesamt 255 interne
Stufen verteilen. Das bedeutet, dass jede Fahrstufe in der Lenzzentrale z. B.
im Decoder in weitere Unterfahrstufen unterteilt wird. Diese Unterteilung ist
eine Eigenschaft der Decoder, die aber nicht weiter veröffentlicht wird.
Wenn aber jetzt ein Decoder ohne Trimmfunktion soweit heruntergeregelt wird,
dass die Lok die vorbildgerechten 80 km/h erreicht (hier nur mal ein Beispiel
für irgendeine Lok), dann werden dadurch die intern vorhandenen 255 vorhandenen
Fahrstufen minimiert. Wird z. B. nur der halbe mögliche Wert eingetragen, dann
sind letztendlich nur noch 120 interne Decoderfahrstufen für insgesamt 28
Lenz-Fahrstufen vorhanden. Grob gesagt, gibt es pro Fahrstufe in Lenz nur noch
drei interne Decoderstufen, ansonsten sind es acht oder neun. Dass dann eine
Regelung nicht mehr sehr feinfühlig ist, leuchtet ein.
Aus diesem Grund empfiehlt Pius Locher die Verwendung von sog. Trimm-CVs bei den
Decodern, weil durch das Trimmen letztendlich die 255 Stufen beibehalten werden
und insgesamt die Lok dann auch langsamer läuft. Beim ESU-Decoder (Zimo und ESU
haben einen Vorwärtstrimm und Rückwärtstrimm) wäre das dann z. B. bei 80 km/h
so, dass immer noch über die Trimmfunktion die 255 internen Stufen vorhanden
sind. Hier wurde den Beteiligten sehr schnell klar, dass der Decoder schon einen
großen Einfluss auf die Regelungen in Railware hat.
Sodann wurden die verschiedenen Geschwindigkeitsprofile aufgezeigt und deren
Abhängigkeit zum Bremsen. Interessant ist der Aspekt, dass die von Railware
angegebenen Geschwindigkeiten mit dem Tachowagen ziemlich genau übereinstimmen.
Als Kernaussage kann gelten, dass bei einer nach unten durchhängenden
Geschwindigkennlinie in den ersten Fahrstufen ein sehr unterschiedliches
Bremsverhalten festzustellen ist. Erst ab Fahrstufe 10 liegt der Bremsweg
geringfügig 10 % unter dem Sollwert. Das lässt sich mit der Bremswegkorrektur
ausgleichen. Dann werden auch die von Herrn Hinz proklamierten max. 5 %
Bremswegkorrektur eingehalten.
Wenn die Lok nicht optimal eingemessen ist und bereits bei Fahrstufe 20 die
Höchstgeschwindigkeit erreicht wird, dann wird bei der jetzt implementierten
Umrechnungsformel ab Fahrstufe 20 der Bremsweg wieder länger und die Lok fährt
über das Ziel hinaus.
Bei der von Pius Locher entwickelten Geschwindigkeitskennlinie , die linear
verläuft und drei unterschiedliche Steigungen aufweist (bis Fahrstufe 9 pro
Fahrstufe + 1 km/h, bis Fahrstufe 22 pro Fahrstufe +2 km/h und ab Fahrstufe 22
pro Fahrstufe +3 km/h), liegt die Bremsweglänge immer im Bereich des
eingegebenen Bremsweges. Es war schon interessant zu sehen, welche Unterschiede
sich beim Bremsen gerade in den unteren Fahrstufen ergeben.
Pius Locher hat auf der Basis der von ihm entwickelten Geschwindigkeitskennlinie
dann auch den Nachschub demonstriert. Zwei unterschiedliche Loks fuhren in ein
und derselben Geschwindigkeit auf dem Testoval, wobei sich zugegebenermaßen der
Abstand geringfügig beim Fahren erweitert hat. Diese Differenz macht sich aber
laut Pius Locher beim Fahren nicht bemerkbar, zumindest sieht man keine Lok mit
durchdrehenden Rädern im Verband. Davon konnte sich Jochen Wießner auch auf der
Anlage von Pius Locher überzeugen.
Aus der Sicht des Veranstalters war das Seminar vorbildlich. Es gab keine
ellenlangen Diskussionen um des Kaisers Bart, sondern es wurde gezielt gefragt,
es wurde von den Referenten gezielt geantwortet und trotz des zum Teil sehr
schwierigen Themas waren alle sehr interessiert bei der Sache.
Gegen Ende hat Horst Müller-Kuntzer aus unserer Gruppe dann noch ordentlich
„rumgepfuscht“. Auch hier waren alle Teilnehmer sehr ruhig und folgten seinen
Vorführungen gespannt. Er zeigte das Programm P.f.u.Sch, eine Abkürzung für
Programmieren, Fahren und Schalten. Mit diesem Programm lassen sich letztendlich
alle CVs in den Decodern auslesen und programmieren. Das ist für solche
Programme nicht immer selbstverständlich. Hier wird nur auf das Lenzprogramm
(beim USB-Interface) verwiesen, das ohne weitere Veränderungen nicht in der Lage
ist, z. B. die ganzen Zimo-CVs auszulesen.
Horst hat hier wieder bewiesen, dass Pfusch sein Thema ist.
Zum Abschluss des Seminars, nach 17.00 Uhr, hat Pius Locher noch einmal eine
Aufstellung bekannt gegeben, welche Einstellwerte für die Decoder empfehlenswert
sind. Das geschah aus dem Blickwinkel, dass alle Loks gleich schnell fahren und
so universell mit einander in Doppeltraktion, Dreifachtraktion oder im
Nachschubdienst gefahren werden können.
Hier muss aber erläutert werden, dass bei Pius Locher die Anlage ein ganz
spezielles Thema hat und die Züge dort von Hause aus in der Steigung nicht
schneller als 60 km/h gefahren sind. Dann ist eine solche Einstellung möglich.
Jetzt, mit einem gewissen Abstand nach dem Seminar, lässt sich aber umso
deutlicher feststellen, dass dieses Seminar bei den Teilnehmern einen tiefen
Eindruck hinterlassen hat und viel dazu angeregt hat, eigene Versuche zu
unternehmen. Die in den Seminarunterlagen vorhandenen Tabellen können auch zu
Hause verwendet werden und letztendlich wurde im Seminar gezeigt, wie man
sinnvollerweise beim Einmessen von Loks vorgeht und welche Fragestellungen man
für sich erst einmal beantworten muss, um zu wissen, wie die Loks einzumessen
sind.
Wir als Veranstalter bedanken uns bei den Teilnehmern für die große Disziplin,
die bei so viel aufgeworfenen Fragen nicht selbstverständlich ist. Wir sind sehr
erfreut über die große Teilnahme und noch mehr erfreut über die anschließenden
Bekundungen zum Seminar. Es hat uns Mut gemacht, weiter zu planen und wir werden
Ende Oktober 2009 mit einem weiteren Seminar aufwarten. Das Thema steht noch
nicht ganz fest, hier gibt es noch interne Diskussionen.
Wir werden auch für die weiteren Seminare unsere Modulanlage anpassen, so dass
in absehbarer Zeit auch Weichen und Signale geschaltet und gesteuert werden
können. Dazu gibt es aber zur gegebenen Zeit mehr Informationen.
Wieder einmal wurde in Lastrup mit diesem Seminar bewiesen, dass ein begrenztes
Thema die Möglichkeit bietet, tief in die Materie einzusteigen. In Verbindung
mit der praktischen Vorführung ermöglicht es, sich für diese kurze Zeit intensiv
mit dem Thema zu beschäftigen und viele Fragen zu beantworten, aber auch viele
Fragen für sich selbst aufzuwerfen. Wir werden mit unseren Seminaren diesen Weg
weiter verfolgen.
An dieser Stelle noch einmal ganz herzlichen Dank den hervorragenden Referenten
und dem sehr disziplinierten Teilnehmerkreis. So macht aus der Sicht des
Veranstalters ein Seminar Spaß.
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